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Subject: Opera Nuremberg: Doktor Faust from Ferruccio Busoni
From: Werner Veith <[log in to unmask]>
Reply-To:Werner Veith <[log in to unmask]>
Date:Fri, 27 Nov 1998 19:03:59 +0200
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text/plain (82 lines)


Oper Nuremberg:
Doktor Faust vereint Oper und Theater


Drei Ereignisse fielen zusammen: die Wiedereröffnung der Nürnberger
Oper, das Debut des neuen Generalmusikdirektors Philippe Auguin und
die Verschmelzung von Oper und Theater bei der Premiere von "Doktor
Faust". Wer nur der Live-Übertragung im Bayerischen Rundfunk lauschen
durfte, der konnte das Besondere der Busoni-Inszenierung nicht
erkennen: die eindrucksvolle Bühne von Hans-Dieter Schaal und die
Kostüme von Beate Tamchina. Zeitweise kam sogar das Gefühl auf, die
Musik wäre extra für die Aufführung komponiert worden - so harmonisch
paßte das Geschehen auf der Bühne zur Musik. Wie in einem
Fernsehkrimi achtet man auf die Handlung, spekuliert über Täter und
Opfer - und überhört die Filmmusik.

Dabei schwieg nur zu Beginn das Orchester unter Leitung von Auguin,
als Fritz Groß eine zehnstrophige Vorrede "Der Dichter an die
Zuschauer" hielt. Allzulange konnte die Spekulation über die
teuflische Taktik von Mephisto auch nicht anhalten, weil einem der
rote Faden immer wieder entrissen wurde. Da halfen dann auch
Übertitel vor den sechs Bühnenbildern nicht weiter, weil sie öfters
durch den Bühnenvorhang verdeckt wurden. Stattdessen konnte das
deutsche Libretto manchen roten Faden wieder verknüpfen - obwohl sich
Busonis "Doktor Faust" deutlich von Goethes Variante unterscheidet.
Bei Goethe wie auch in Berlioz' "Fausts Verdammnis" stürzt der Teufel
die Menschen durch Lügen in Verbrechen, Abhängigkeit und Schuld. Bei
Busoni hingegen ist die Rolle von Mephisto mit weniger krimineller
Energie durchdrungen, Mephisto ist eher ein Agent von Faust. Und
Faust möchte jenseits von Gut und Böse stehen, vielleicht das
Christentum überwinden. Oder, so Regisseur Jürgen Tamchina: "Faust
ist Scharlatan, Entertainer und Zauberer in einer Person".

Doch weder die eine noch die andere Faust-Variante spielte Ron Peo
kraftvoll. Die dreistündige Aufführung schien dem Bariton die letzten
Kräfte zu rauben, obwohl sich seine Stimme über lange Strecken hinweg
im angenehmen Bereich bewegte. Der etwas leblose Auftritt von Ron Peo
paßte zu seinem Äußeren: blaß, mit graugelockten Haaren, anfangs im
weißen Arztkittel, fast wie ein Kollege von Frankenstein. Etwas
dominanter und farbenfroher war Robert Künzli als Mephisto, der im
schwarzen Rock, mit rotzackigem Überhang und einigen roten Punkten im
Haar sein Unwesen trieb. Seine kräftige Tenorstimme bildete den
Gegenpol zu Faust.

Natürlich: Busonis "Doktor Faust", an dem er fast zehn Jahre
arbeitete, stellt eine Herausforderung an das gesamte Opern-Ensemble
dar. Im Unterschied zu Puccini, der wie Busoni 1924 starb, gibt es
bei ihm wenig Arien, dafür atonale Elemente (besonders im ersten
Vorspiel) und polyphone Abschnitte, tonale Musik der vollkommenen
Harmonie, die wiederum von schwierigen Orchesterstücken abgelöst
wird. Busoni, der Pianist von Weltruf, kombiniert höchst
unterschiedliche Musikstile, einschließlich Orgelstücke,
Ballettmusik, Chöre und Militärmärsche. Und düstere faustische
Abschnitte werden bei ihm in leichte, extrovertierte Episoden
verwandelt. Doch von der Formenvielfalt Busonis war bei Philippe
Auguin wenig zu spüren: irgendwie ebenete er die Unterschiede ein, er
dirigierte zu schwermütig, zu einförmig und die Kontraste fehlten.

Starke Kontraste zeigten sich in den sechs Bühnenbildern, die für
Überraschungen sorgten, ohne kitschig oder überladen zu wirken. Vor
einem grün-türkisen, geometrischen Hintergrund, der eine gedämpfte
Wirkung erzeugte, tanzten Puppen in leuchtenden Naturfarben. Dann
folgte ein riesiger dunkelblauer Meteorit, durchzogen von winzigen,
glitzernden Kristallen - und Feuerflammen, aus denen Mephisto
erscheint. Gänzlich anders war die Szene im herzoglichen Park zu
Palma. Ein Schattenspiel auf Stelzen wurde durch ein Ballett
abgelöst, schließlich folgten futuristische Kostüme in goldenen und
silbernen Farben.

Werner Veith (c)





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russse, s'il vous plait. Merci beaucoup.
Werner Veith
Roethenbacher Hauptstr. 34
D-90449 Nuernberg      Bavière
Téléphone: +49 / (0) 911 / 677 330
Courrier électronique: [log in to unmask]

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